Wie "historisch" sind die Wiedikerkostüme?

Strenge Historiker könnten der bestehenden Kostümierung zwei Vorbehalte entgegenstellen, die wir nicht verschweigen wollen:

Erstens erscheinen unter den "vornehmen Leuten" Persönlichkeiten, die historisch fassbar und belegt sind. Daneben tauchen aber auch höchst phantasievolle Namen auf, die in keiner Quelle genannt werden und die mehr der Dichtung als der Wahrheit angehören. Aber am Sechseläuten treten die "historischen" Personen gleichberechtigt neben den "Phantasiepersonen" auf.

Zweitens gibt es beim "Fussvolk" Kostüme, die sich auf Berufe beziehen, die es weder 1259 noch später in Wiedikon gegeben hat. Zur Zeit des Reichshofes waren einige Berufe noch gar nicht vorhanden und später hat das Zunftmonopol der nahen Stadt bekanntlich das dörfliche Gewerbe harten Restriktionen unterworfen. Trotzdem werden die unhistorischen Berufsdarstellungen geduldet. In diesen Fällen hat der Wunsch der Neuzünfter, einen Bezug zu ihrem Beruf darzustellen, Vorrang erhalten. Auch der Wunsch nach einer möglichst bunten Vielfalt der Kostüme hat eine Rolle gespielt.

Ritter Theobald von Rechberg

Mit diesen beiden Vorbehalten sei der Geschichtswissenschaft die schuldige Reverenz erwiesen. Der Zunft zu Wiedikon ist wohl bewusst, dass ihre Kostümierung einer akribischen historischen Prüfung nur teilweise standhalten kann. Aber das trägt sie mit Fassung: Einmal kommen die individuellen Züge der einzelnen Zünfter viel mehr zur Geltung als bei einer uniformen Kostümierung, und zum anderen darf und soll das Ganze doch auch ein Spiel sein, ein Spiel zwar mit Regeln, aber auch mit Spielraum, und die ästhetische Gesamtwirkung darf sich wohl sehen lassen.

Die Zunft zu Wiedikon freut sich ganz besonders, dass sie auf das Jubiläumsjahr 1997 hin ihr Zunftspiel mit leicht modifizierten Kostümen gänzlich neu eingekleidet hat. Damit hat die Zunft wieder ein Erscheinungsbild, das ihr am Sechseläuten Ehre einlegt.