Der Reichshof von 1259

Warum aber hat die "Reichshof-Konzeption" die anderen Vorschläge aus dem Feld geschlagen? Dazu ist ein Blick zurück in die Geschichte von Alt-Wiedikon erforderlich:

Am 30. Juni 1259 verkauften Ritter Jakob Müllner und seine Söhne Jakob, Rudolf und Eberhard den Talacker an das Kloster Selnau. Für uns werden die Begleitumstände dieses Verkaufes besonders wichtig: Die Urkunde wird ausgestellt von den Edeln Walther, Ulrich und Johannes von Schnabelburg, welche eingangs angeben, dieser Talacker gehöre zum Hofe Wiedikon. Sie selbst hätten diesen von Reiche zu Lehen und ihn an Ritter Jakob Müllner weiterverliehen. Darum geschieht der Verkauf nur unter dem Vorbehalt der königlichen Bestätigung.

(Paul Etter, Geschichte von Alt-Wiedikon, Zürich 1987, S.41).

Neben der Urkunde von 889, in welcher der Name "Wiedikon" zum ersten Mal erwähnt wird, ist die Urkunde von 1259 ein Schlüsseldokument. Wiedikon erscheint als "Reichshof", denn sonst wäre die königliche Bestätigung des Kaufgeschäfts nicht nötig gewesen. Ob dieser Befund mit dem Reichsapfel im Wappen zu tun hat, ist unklar, ja muss sogar leider als wenig wahrscheinlich angesehen werden, denn das Wiediker Wappen erscheint erst 1674 zum ersten Mal im Wappenbuch von Conrad Meyer.

Freiherr Lütold VI. von Regensberg

Aber der Reichshof von 1259 bot den optimalen Hintergrund für die Konzeption der Zunftkostümierung. Das Fussvolk sollte vor allem die (männlichen) Bewohner des Dorfes darstellen. Um aber noch mehr Farbe in das Bild zu bringen, sollten auch vornehme Leute aus der nahen Stadt und dem weiteren Umfeld zu Fuss und zu Pferd einbezogen werden. Die Fiktion, dass die noblen Leute beispielsweise auf einem Jagdausflug oder zu einem Gerichtstag nach Wiedikon kommen und so zwanglos in das Ganze eingefügt werden, ist vielleicht etwas abenteuerlich, aber unerbittliche historische Strenge wurde zum Glück von Anfang an nicht beabsichtigt. Das Ganze soll und darf auch einen spielerischen Charakter aufweisen.

Grosser Wert wurde aber auf die historisch korrekte Gestaltung der Kostüme gelegt. Frau Rose-Marie Frei konnte sich auf eine Bilderquelle von höchstem Rang abstützen: Die Manessische Liederhandschrift, allerdings ein paar Jahrzehnte nach 1259 geschaffen, bot reiches Illustrationsmaterial.

Vornehme Bürger aus der Stadt