Wie wird man Wiediker Zünfter

 

Zwei Wege führen in die Zunft. Auf dem einen Weg schreitet der Vater als Zünfter voran, den anderen Weg muss der Anwärter selbständig finden.            

Zünfterssöhne wachsen von Kindsbeinen an in das Zunftleben hinein: Sie marschieren in der Kindergruppe mit, verdienen sich alsdann ihre Sporen als Schankburschen und lernen später im geselligen Kreis der Jungzünfter ihre Altersgenossen, die späteren Mitzünfter kennen. Wenn es dann allerdings in der Mitte des dritten Lebensjahrzehnts ernst wird und sich die Frage des Eintrittes in die Zunft stellt, muss der Jungzünfter genau dieselben Hürden nehmen wie ein Anwärter, der von aussen kommt. Zünfterssöhne haben keinerlei Anspruch auf privilegierte Behandlung. Anwärter von aussen bringen frisches Blut in die Zunft und sind darum sehr willkommen.  

Der Anwärter muss nach seinen ersten Kontakten mit der Zunft zwei gestandene Zünfter als Zunftpaten finden – das ist die erste Hürde.

Die Göttirolle zu übernehmen bedeutet zweierlei: Die beiden Götti müssen der Zunft gegenüber für die Qualitäten ihres Göttibuben gerade stehen und sind verpflichtet, den Anwärter mit dem zünftigen Leben vertraut zu machen.

Die zweite Hürde hat der Anwärter vor der Aufnahmekommission zu bestehen, die vom Statthalter präsidiert wird und der zwei weitere Vorsteher angehören. Diese Kommission prüft nicht nur die Personalakten, sie führt mit dem Anwärter auch ein eingehendes Gespräch. Kommt die Aufnahmekommission zu einem positiven Entscheid und ist die Vorsteherschaft einstimmig einverstanden, wird aus dem Anwärter ein Zunftinteressent. Die Zunft wird nun schriftlich über diesen neuen Zunftinteressenten informiert. Wird gegen ihn keine Einsprache erhoben, kann er nunmehr an allen Anlässen ausser dem Hauptbott teilnehmen. Vor seiner definitiven Aufnahme muss er einen vorgeschriebenen Parcours von Anlässen besucht haben. Die Zunft will schliesslich den zukünftigen Zünfter gut kennen lernen.

Wenn der Zunftinteressent seine Verpflichtungen erfüllt hat, läuft er in die Zielgerade ein, auf der die letzte und entscheidende Hürde steht: Die Vorsteherschaft muss die definitive Aufnahme einstimmig(!) beschliessen. In den meisten Fällen kann sie nach gewalteter sorgsamer Diskussion der Aufnahme mit gutem Gewissen zustimmen.

Am nächstfolgenden Martinimahl wird der neue Zünfter feierlich aufgenommen. Er legt vor versammelter Zunft das Bannergelöbnis ab. Das ist ein grosser Tag, an den sich jeder Zünfter zeitlebens mit Freude erinnert.

Feierliche Aufnahme neuer Zünfter

Bannergelöbnis

Auf den frischgebackenen Zünfter warten einige Verpflichtungen: Er muss sich innerhalb von drei Jahren ein Sechseläutenkostüm beschaffen. Dabei ist ihm der Kostümchef behilflich. Er braucht aber auch eine eigene Zunftlaterne mit seinem Familienwappen, das von der Wappenkommission des Zentralkomitees der Zünfte Zürichs genehmigt sein muss und das auch auf der Wappentafel in der Zunftstube präsentiert wird.